Das wichtigste Gebot

Seit einigen Sonntagen schon hören wir im Tagesevangelium, wie die Pharisäer versuchen, Jesus in die Falle zu locken. Letzten Sonntag zum Beispiel mit der Frage, ob es erlaubt sei, dem römischen Kaiser Steuern zu zahlen. Was für einen frommen Juden dieser Zeit durchaus ein Problem darstellte: Dem Kaiser Steuern zu zahlen, noch dazu einem, der für sich göttliche Abkunft reklamierte, hieß, seine Herrschaft über Israel anzuerkennen, und damit Gottes Gebot untreu zu sein, dass Gott allein der Herr ist. Es abzulehnen, Steuern zu entrichten, bedeutete, sich angreifbar zu machen, bei den Römern denunziert zu werden.
Auch am heutigen Sonntag wird versucht, Jesus in die Enge zu treiben, wenn ein Gesetzeslehrer ihn fragt, welches denn das wichtigste Gebot von allen sei.
Jesus antwortet hier sehr klar und eindeutig mit den traditionellen jüdischen Geboten der Gottesliebe und der Nächstenliebe: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken“ (Deu 6,5). Und: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Lev 19,18). Die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Menschen – das ist für Jesus der Kern des ganzen Glaubens.
Bemerkenswert ist dabei, dass Jesus nicht einfach ein weiteres Gebot aufstellt. Er verbindet zwei Gebote aus der jüdischen Tradition zu einer untrennbaren Einheit. Für ihn ist das eine ohne das andere nicht zu haben. Denn wie könnten wir behaupten, Gott zu lieben, wenn uns die Menschen, die er liebt, gleichgültig sind? Und wie könnten wir Gottes Liebe ernst nehmen, wenn sie in unserem eigenen Leben keine Folgen hat? Der erste Johannesbrief bringt das noch einmal auf den Punkt: „Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht“ (1 Joh 4,20). Das ist eine durchaus unbequeme Aussage. Denn sie bedeutet: Ob unser Glaube glaubwürdig ist, entscheidet sich nicht allein daran, was wir glauben und bekennen, sondern auch daran, wie wir leben und miteinander umgehen.
Wir verstehen das Wort Liebe heute oft vor allem als Gefühl. Wir lieben Menschen, die uns nahestehen, die uns sympathisch sind, mit denen wir gerne zusammen sind. Aber die Liebe, von der Jesus hier spricht, geht viel weiter. Sie ist nicht in erster Linie ein Gefühl, sondern eine Haltung. Sie bedeutet, den anderen Menschen in seiner unverlierbaren Würde anzuerkennen, ihn ernst zu nehmen und sein Wohl zu wollen. Und das gilt gerade auch für diejenigen, die uns fremd sind, die anders denken und leben als wir. Ja, sogar für diejenigen, mit denen wir Schwierigkeiten haben.
Madeleine Delbrêl, die heute vor 122 Jahren geboren wurde, hat das im vergangenen Jahrhundert auf eindrucksvolle Weise vorgelebt. Sie lebte in Ivry, einer kommunistisch geprägten Arbeiterstadt bei Paris, in einer Umgebung, in der viele Menschen mit Kirche und Glauben nichts mehr anfangen konnten. Aber sie versuchte nicht, diese Menschen zuerst von der Richtigkeit des christlichen Glaubens zu überzeugen. Sie lebte vielmehr mitten unter ihnen, teilte ihre Sorgen und Nöte und setzte sich für ihre Würde und ihre Rechte ein.
Für Madeleine Delbrêl war klar: Wer Gott liebt, muss ihn dort suchen, wo die Menschen leben. Nicht nur in der Kirche, nicht nur im Gebet, sondern mitten im Alltag. Die Welt ist nicht der Ort, vor dem Christen sich zurückziehen sollen. Sie ist der Ort, an dem sich ihre Liebe zu Gott bewähren muss. Und das hat Konsequenzen – auch für uns heute.
Denn Nächstenliebe erschöpft sich nicht in persönlicher Freundlichkeit oder gelegentlicher Hilfsbereitschaft. Sie hat auch eine gesellschaftliche und politische Dimension. Wer den Nächsten liebt, kann nicht gleichgültig bleiben, wenn Menschen ausgegrenzt werden, wenn ihre Würde missachtet wird, wenn Hass und Verachtung das Zusammenleben bestimmen.
Christliche Nächstenliebe bedeutet deshalb auch, sich für Gerechtigkeit, für Frieden und für ein menschenwürdiges Zusammenleben einzusetzen. Nicht weil das Christentum eine politische Ideologie wäre, sondern weil jeder Mensch von Gott geliebt ist – unabhängig von seiner Herkunft, seiner Religion, seiner gesellschaftlichen Stellung oder seiner politischen Überzeugung.
Vielleicht sollten wir noch einen anderen Gedanken ernst nehmen. Jesus sagt nicht nur: Liebe deinen Nächsten! Er sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Auch die Liebe zu uns selbst gehört also dazu. Nicht als Egoismus, sondern als Anerkennung, dass auch wir von Gott gewollt und geliebt sind – mit unseren Stärken und Schwächen, mit unseren Erfolgen und mit unserem Scheitern. Wir müssen uns Gottes Liebe nicht erst verdienen. Sie ist uns längst geschenkt. Und gerade deshalb können wir diese Liebe weitergeben. Vielleicht ist das überhaupt das Entscheidende am christlichen Glauben: Dass wir nicht zuerst etwas leisten müssen, um von Gott geliebt zu werden. Sondern dass wir aus der Gewissheit leben dürfen, von ihm geliebt zu sein. Unser Glaube ist deshalb im Kern nicht eine Sammlung von Vorschriften, sondern die Antwort auf eine Liebe, die uns vorausgeht.
Und so stellt uns das heutige Evangelium am Ende eine ganz persönliche Frage: Was bedeutet die Liebe Gottes ganz konkret in meinem Leben? Wo wird durch mich etwas von dieser Liebe für andere Menschen erfahrbar? Vielleicht in einem guten Wort. Im geduldigen Zuhören. In einer versöhnenden Geste. Im Einsatz für einen Menschen, der sonst keine Stimme hat.
Es müssen nicht immer die großen Taten sein. Aber eines sollte sichtbar werden: Dass unser Glaube nicht nur etwas ist, das wir für wahr halten, sondern etwas, das unser Leben verändert. Wenn wir heute diese Frage für uns selbst stellen: Was ist eigentlich das Wichtigste im christlichen Glauben? Was macht einen Menschen zu einem Christen? Dann wird die Antwort nicht einfach lauten können: Dass er regelmäßig in die Kirche geht, dass er betet, die Gebote hält und sich zur Lehre der Kirche bekennt. Das alles mag wichtig und richtig sein. Aber ist es letztendlich das Entscheidende?
Nein, entscheidend ist allein das Gebot: Liebe Gott und liebe deine Mitmenschen so wie dich selbst! Denn daran, sagt Jesus, hängt das ganze Gesetz und die Propheten. Oder einfacher gesagt: Genau darauf kommt es an. Auch heute.
(Impuls zum 30. Sonntag im Jahreskreis A, 25.10.2926)
Bild: Madeleine Delbrêl (vgl.: https://www.feinschwarz.net/gott-einen-ort-sichern-impulse-aus-der-begegnung-mit-madeleine-delbrel/)